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Decoded Conference 2011 – ein kreativer Rückblick

Decoded Conference 2011 – ein kreativer Rückblick

Okt 17, 2011

Vergangenen Samstag versammelte sich die digitale Avantgarde zum zweiten Mal zur Münchner Decoded Conference, um Vorträgen aus dem thematischen Spektrum zwischen Kunst, Design und Code zu lauschen.

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Synaptic Network wurde in der Freiheizhalle von Wassim und Stefan repräsentiert, die dank ihres überpünktlichen Eintreffens mehr als genug Zeit zum Genuß spaciger Elektromusik und einem ersten Hofbräubier hatten. Immerhin ließ sich in der Zeit sehr gut beobachten, dass Apple in der Halle auf gefühlte 95% Marktanteil kam – kaum einer, der nicht iPhone, iPad oder Mac (zum Teil sogar alles zusammen) griffbereit neben sich liegen hatte. Wir natürlich inbegriffen, speziell Stefan musste ja jede seiner brillanten Eingebungen mit der Twitter-Gemeinde teilen 😉

Decoded Conference in der Münchner Freiheizhalle

Das nächste bitte!!

Der Einstiegsvortrag „Fluid form the process“ gestaltete sich zwar in seiner rhetorischen Dynamik verbesserungswürdig, war aber inhaltlich durchaus interessant. Stephen Williams präsentierte hier seine Interpretation der Individualisierung – oder in seinen Worten „Demokratisierung“ – von Design. Ziel ist es, jedem Nutzer die Möglichkeit zur eigenen Gestaltung von Formen innerhalb der vom Designer vorgegebenen, ästhetischen Grenzen zu ermöglichen. Gerade wenn es darum geht, künstlerisch unbedarfte Menschen zur Individualisierung zu motivieren, ergeben sich einige Stolperfallen, mit denen sich Stephen und seine Kollegen zu Beginn ihrer Aktivitäten konfrontiert sahen. Am Beispiel einiger Projekte von Stephens Designschmiede Fluid Forms wurde dann unter anderem demonstriert, wie aus personenbezogenen Ortsangaben Produkte in Form von Straßenkarten oder topographischen Geländedarstellungen erzeugt werden konnten – somit kann jeder Käufer sein eigenes, personenbezogenes Design erhalten, ohne sich tiefer in die gestalterische Materie einarbeiten zu müssen.
Um auch den Themenbereich Code einzubauen, gab es abschließend noch eine Demo des genutzten SDKs, dass eine einfach zu integrierende Anpassbarkeit von Objekten ermöglichte.

Im zweiten Vortrag trieb Prof. Dr. Herbert W. Franke seine assistierende Frau auf eigenwillig-charmante Art durch eine Vielzahl von Slides und Videos rund um das Thema „Bildkultur gegen Sprachkultur“. Dass Bilder gerade in nicht chronologisch zu erfassenden Bereichen oftmals den beschreibenden Möglichkeiten der Sprache überlegen sind, wurde zuerst an Visualisierungen mathematischer Formeln demonstriert (natürlich duften Fraktale hier nicht fehlen). Anschließend folgte ein eher konzeptionell denn grafisch spannender Ausflug in eine von Prof. Franke selbst kreierte, virtuelle Welt. Zudem gab es noch mehr oder weniger abstrakte Demonstrationen von Visualisierungsversuchen aus verschiedenen Forschungsbereichen, bevor der Vortrag mit dem eigentlichen Highlight, einem surrealen Ballet-Video, das Publikum mental auf erhöhten Bierkonsum einstimmte.

Prof. Dr. W. Franke und seine Formen

Unerwartetes Gepixel

Nach einer ersten längeren Pause (die das Synaptic Team nutzte, um die Kaffeebar des benachbarten Mercedes-Zentrum zu besuchen), kam dann der mit Spannung erwartete Auftritt von eBoy an die Reihe. Leider erinnerte dieser mit einem Stakkato von Projektbeispielen eher an einen überlangen Werbespot, denn an einen inhaltlich bereichernden Vortrag. Das war insgesamt sehr ermüdend, zumal man das Grundkonzept von eBoy schnell verinnerlicht hatte (falls man es nicht sowieso schon kannte), schmälert aber die künstlerische Leistung des Teams kein bisschen – wir empfehlen daher durchaus einen Blick in den Online-Shop der Truppe. Ach ja, eine auf eBoy-Design basierende App gibt es auch noch (im App Store für iPhone und iPad), die FixPix genannte Anwendung nutzt die Vorlagen für ein simples aber dennoch witziges Spielprinzip.

Weniger eigenwerbungslastig, aber nicht minder exzentrisch dann die Ausführungen von Lia, die mit betonter Lässigkeit einen Workshop zum Thema „intuitives Programmieren“ zum Besten gab (Im Programmheft „The fascination of the unexpected“ betitelt). Anhand etlicher Code-Beispiele zeigt die Künstlerin, wie sie durch Try-and-Error, Spontanität und Abwesenheit von Verständnis des eigenen Tuns am Ende zu ästhetisch interessanten Visualisierungen gelangt – hier am Beispiel eines kaleidoskopartigen Sternbildes sowie einer Animation, die durch an Scheiben herabrinnende Regentropfen inspiriert wurde. Während diese Vorgehen für ihre Belange sicher super ist, gilt für Programmierer mit konkreten Kundenprojekten „Bitte nicht nachmachen!“ – Kommentare wie „ich weiß auch nicht, warum sich das Programm so verhält – aber es schaut doch gut aus“ könnten nachhaltig geschäftsschädigend sein ;-).

Save the best for last

Nach erneuter Pause (aka spaciger Musik und noch einem HB) kamen dann die beiden Highlight der Konferenz:

Das Finale wurde von Kate Hartman eingeleitet, die mit gewinnendem Elan zuerst den beiden Veranstaltern eine exzentrische Mützenkonstruktion verpasste, bevor Sie dann nach und nach einige Projekte vorstellte, die sie oder ihre Studenten in den letzten Jahren entworfen hatten. Neben weiteren Hut- und Maskenvariationen kam dann das sehr innovative Projekt „Botanicall“ zur Sprache: Die Grundüberlegung hierfür war, wie sich der Bezug zu Objekten im digitalen Raum ändert, wenn diese selbst kommunizieren könnten. Daraus entstand schließlich ein Produkt, dass Topfpflanzen ermöglicht, ihren Besitzer per Telefon oder Twitter auf die eigenen Bedürfnisse hinzuweisen (diese beschränken sich weitgehend auf Forderungen nach Wasser). Wer schauen möchte, wie sich Kates eigene Pflanze über dieses System Gehör verschafft, kann ihr auf Twitter folgen (Der Pflanze wohlbemerkt…Kates Tweets gibt es hier).
Zurück dann zum Thema Kleidung – eines der Schwerpunkte von Kates Aktivitäten an der kanadischen OCAD Universität. Die mit Sensoren bestückten und oft vernetzten Kleidungsstücke waren zwar von der Grundidee her recht exzentrisch („Ein Handschuh, mit dem sich Superhelden gegenseitig rufen können“), liesen aber mit ein bisschen Phantasie die Anwendungsmöglichkeiten über den künstlerischen Raum hinaus erkennen. Auf Anfrage eines Zuhörers gestand Kate dann auch, dass sie einer kommerziellen Verwertung der ein oder anderen Idee nicht abgeneigt wäre 🙂

Kate bringt Thomas Reppa und Thomas Gläser unter einen Hut

Am Ende dann Jet Thornton aka @blprnt mit einem brillianten Vortrag über die Visualisierung komplexer Zusammenhängen als Grundlage für deren Verständnis sowie die Erarbeitung adäquater Lösungen. Schon eine Grafik mit einer ordnenden Darstellung erdähnlicher Planeten war sehr eindrucksvoll (was ihm sogar die NASA bestätigte), ebenso ein groß angelegtes Projekt für die New York Times (wir empfehlen einen Blick auf das Video) – äußert interessant dann aber seine Arbeit für das Monument zum 11. September, bei dem die Namen aller Verstorbenen rund um das Wasserfallkontrukt angeordnet werden sollten. Die Wahl, hierfür nicht auf ein chronologisches oder alphabetisches Ordnungssystem zu setzen, sondern die Beziehungen der Personen zueinander als Basis zu nehmen, war eine ebenso große Herausforderung wie die zusätzlichen Anforderungen der Architekten. Wie blprnt diese Problem mit einer Mischung aus mathematischen und designerischen Überlegungen anging, hätten sich einige Zuschauer sicher gerne noch länger angehört – wer nicht dabei sin konnte sollte dennoch Jets Homepage blprnt.com einen Besuch abstatten. Jedenfalls war diese Präsentation ein sehr gelungener Abschluss der Konferenz, die zu Beginn eher zögerlich in Fahrt kam.

Haben wir mehr als nur Erkenntnis gewonnen? Aber ja!

Am Ende der Veranstaltung gab es dann noch eine kleine Verlosung, bei der wir zwar kein iPhone 4S abstauben konnten, aber immerhin ein O’Reilly-Buch zum Thema „Social Applications“. Damit ist diese Woche für Lesestoff gesorgt.
Die anschließende After-Show-Party im „Das Provisorium“ musste dann leider aus zeitlichen Gründen ohne uns stattfinden, soll aber ersten Berichten zufolge auch sehr gut gelungen sein.

Decoded Conference in der Münchner Freiheizhalle

Wir danken jedenfalls den Inititatoren Thomas Reppa (Reppa.net) und Thomas Gläser (Envis Precisely) sowie dem Organisationsteam, die zusammen ein weit über Süddeutschland hinaus namhaftes Event erfolgreich in München etablieren konnten (das erspart uns wenigstens einiges an Anfahrtsweg). Nächstes Jahr sehen wir uns dann wieder zur Decoded Conference 2012!





2 Kommentare

  1. Hello Stefan,

    vielen Dank für den Artikel. Wir freuen uns über jedes Feedback. Schade, dass ihr nicht mehr im Provisorium wart, da hätte man noch gemütlich bei einem Bier quatschen können. Verbesserungsvorschläge werden wir natürlich aufnehmen und schauen, dass wir nächstes Jahr noch besser werden. Bis zur decoded 2012!

    • Hallo Thomas,

      kein Thema, wir haben zu danken, schönes Event (endlich muss man mal nicht nach Berlin fahren für sowas)!
      Und nächstes Jahr schaffen wir es hoffentlich auch zur After-Party, wir hätten diesmal schon gerne noch mit euch bzw. dem ein oder anderen Referenten noch getratscht.

      LG, Stefan

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  1. #decoded11 « Neigungsgruppe Design, Code und Netz-Kreativität - [...] Mit dieser Meinung stehe ich nicht alleine da. Ich bin aber sicher, dass es nächstes Jahr – aus anderen…

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